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Harfenspieler und Hirte
  • Moritz von Schwind
  • Harfenspieler und Hirte, um 1860

  • Öl auf Leinwand
  • 26.5 x 22.5 cm
  • signiert unten rechts: "Schwind (mit spiegelverkehrtem S)"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 484x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,858
  • Jahr bis: 1,865
Description
Provenance
Exhibition History
Other

Der mittelalterbegeisterte Spätromantiker Moritz von Schwind zeigt in seinem kleinformatigen Gemälde das Zusammentreffen zweier berufsmässiger Nomaden: des Schäfers mit seiner Herde und des Sängers, der mit seinen Liedern von Ort zu Ort zieht. Der Sänger, der seine Harfe an einem Riemen über der Schulter hängen hat, weist mit der Rechten auf eine Burg, die man weit entfernt hinter der Bergkuppe sieht. Er scheint den Hirten zu fragen, ob er dort wohl freundliche Aufnahme finden oder man ihm barsch die Tür weisen werde.
Einerseits erscheint das Gemälde auf den ersten Blick nicht nur wegen seiner geringen Grösse anspruchslos. Anders auch als die grossen und umfangreichen Wandmalereizyklen, die von Schwind in der Wartburg bei Eisenach oder in der Kunsthalle Karlsruhe schuf, geht das Bild nicht auf renommierte literarische Vorlagen oder Vorbilder aus der europäischen Kunst zurück. Andererseits liegt vielleicht genau darin der besondere Wert dieses Gemäldes. Denn die moderne Kunst, die streng genommen schon mit der Malerei der Romantik im frühen 19. Jahr-hundert begann, strebte stets danach, sich aus dem bloss dienenden, illustrativen Verhältnis zur Literatur zu lösen. Just diese Emanzipation von literarischen Vorlagen ist denn auch das Kennzeichen einer zentralen Werkgruppe im Schaffen von Moritz von Schwind, den sogenannten Reisebildern. Wie der Gruppentitel schon sagt, zeigen die Gemälde Reisen¬de in unterschiedlichen historischen Epochen: fahrende Ritter, wandernde Handwerksburschen oder elegante Paare in der Kutsche. Schwind schrieb zu dieser Werkgruppe am 20. September 1862 an seinen Künstlerfreund Peter Cornelius: «So habe ich die Ehre zu melden, dass ich seit fünf Jahren (…) an einer Sammlung lyrischer Bilder beschäftigt bin, die seit meiner ersten Jugend bis jetzt in guten Stunden entstanden – gegen vierzig an der Zahl – ein zusammengehöriges Ganzes bilden. Ein Bändchen Gedichte unter dem Titel ‹Reisebilder› wäre etwas Ähnliches: Modernes, Antikes, Romantisches durcheinander.»
In dieser Briefstelle deutet sich schon an, dass von Schwind diese Reisebilder als unabhängige Kompositionen, gewissermassen als gemalte Dichtungen verstand. So hat es auch die spätere kunsthistorische Forschung beschrieben: «Schwind scheint uns einer der Ersten, wenn nicht der Erste zu sein, der die Gegenstände völlig selbständig erfindet, erdichtet. Er ist nicht nur der Maler, sondern auch der Dichter seiner Bilder.» (Gustav Glück, 1954)
Kennzeichnend für viele dieser Reisebilder ist das Kompositionsschema, die Wandernden auf eine Geländekuppe zu stellen, von der aus sie weit in die vor ihnen liegen¬den Landschaft blicken können. Die Figuren stehen auch hinsichtlich der Bilderzählung auf einem Scheitelpunkt zwischen «nicht mehr» und «noch nicht» – ein Merkmal, das man ebenso beim Gemälde Harfenspieler und Hirte findet, weshalb man es mit Fug und Recht zu dem Zyklus der Reisebilderzyklus zählen darf, «in dem ( - wie schon sein Zeitgenosse Otto Grauthoff fand - ) der Meister sich neben seinen Märchenzyklen das unvergänglichste, lieblichste Denkmal gesetzt hat, das alle seien Freskenmalereien an künstlerischem Wert weit überstrahlt.»

Heinz Stahlhut